Charleroi: Absurdes Theater



Eine tragische kleine Bahn, die so gut passt in dieses tragische kleine Land: Der erfolgreichste "Failed State" wurde Belgien einmal genannt, und um den Zustand der Métro von Chareroi zu verstehen, muss man die Eigenheit des seltsamen Königreiches kennen.

Verkürzt beschrieben teilt sich Belgien in einen niederländischsprachigen Teil im Norden (die flämische Region) und einen französischsprachigen im Süden (wallonische Region). Abgesehen davon gibt es noch die Region Brüssel-Hauptstadt und innerhalb des wallonischen Teils eine deutschsprachige Region ganz im Osten. Der flämische Teil ist heute deutlich wohlhabender als die Wallonie im Süden; das war nicht immer so: Als die Schwerindustrie noch dominierte, waren die Industrie- und Bergbaugebiete die großen Geldbringer. Allerdings wurde der Strukturwandel verschlafen, seit den 1960er Jahren genießt Flandern einen steilen Wirtschaftsaufschwung, während Wallonien in einer Dauerkrise versank. Heute prägen stillgelegte Zechen die Landschaft um Charleroi, einst das Zentrum der Montanindustrie; die Stadt selbst wirkt verwahrlost, in der innerstädtischen Fußgängerzone fehlen die sonst allgegenwärtigen Modeketten, stattdessen gibt es Handy-Zubehör und Kebab.

Neben der Wirtschaftskrise setzt auch der Streit zwischen den Volksgruppen dem Staat zu, fünf Staatsreformen haben ein undurchschaubares bürokratisches Dickicht von Zuständigkeiten geschaffen, inzwischen gibt es auf flämischer Seite immer lauter werdende Forderungen nach einer Trennung bzw. Abschaffung des belgischen Staates - die Transferzahlungen von Nord nach Süd sind Stein des Anstoßes, man fühlt sich ausgeplündert. Nicht ganz zu Unrecht: es sollen die staatlichen Finanzmittel für den Ausbau des Antwerpener Hafens gewesen sein, die im Süden Begehrlichkeiten weckten - und in Ermangelung wirklich sinnvoller Projekte kam man auf die Idee, das veraltete Überlandstraßenbahnnetz um Charleroi zu einer Métro hochzurüsten, mit einer zentralen modernen Ringstrecke um das Zentrum der Stadt und davon ausstrahlenden Ästen. Die hügelige Topografie der Region hätte dabei eine große Zahl von teuren Tunnels und Brücken nötig gemacht.


Foto: Jean Marie Pholien

Es wäre nicht Belgien, hätte das Projekt nicht eine komplizierte Basis gehabt: der Bau der Infrastruktur erfolgte nicht abgestimmt mit den Betreibergesellschaften der Straßenbahnlinien; so kam es, dass einerseits neue Metrostrecken gebaut wurden, gleichzeitig aber die entsprechenden Straßenbahnlinien aufgelassen wurden. Kurz gesagt: Je mehr neue Metrostrecken fertig wurden, desto weniger fuhr darauf! Das Ergbnis: Die Passagierzahlen sanken, die teuren Anlagen verwahrlosten, fertige Neubaustrecken wurden nicht in Betrieb genommen, Bauarbeiten eingestellt.



Erst in den 1990er Jahren, mit der Übertragung der Kompetenzen auf die Region, wurde der gordische Knoten durchschlagen. Die "Wallonische Transportgesellschaft" (SRWT, Société Régionale Wallone du Transport) wurde gegründet, ihre Tochtergesellschaft Transport en Commun Charleroi übernahm den Betrieb. Die bisher brachliegende Neubaustrecken nach Soleilmont (blau) wurde endlich eröffnet; die andere nach Centenaire verblieb im Dornröschenschlaf. Dabei wird neben Misswirtschaft auch Größenwahn sichtbar: Die Strecke bedient vorstädtische Viertel, deren Dichte keine Métro auf Eigentrasse rechtfertigt.


Die tatsächlich eröffneten Gleisanlagen passen durchaus zu der der wirren Geschichte des Systems: So wurden die Neubaustrecken trotz Zweirichtungsfahrzeugen für Linksverkehr gebaut; Die Gleisanlagen sind so umfangreich, als hätte man mit Massenbetrieb gerechnet. Speziell die Abzweigstation Beaux-Arts besitzt vier Betriebsgleise und ein "Ausstellungsgleis", insgesamt liegen im Stationsbereich 19 Weichen - ein absurdes Theater! Das ganze Drama spielt sich auf Meterspur ab, die Vorstellungen sind allerdings selten, auf Godot wartet man lang: außerhalb der Rush-Hour kommt alle 10 Minuten ein Straßenbahn-Gelenktriebwagen vorbei, nur an vier Stunden täglich gibt es zehn Züge pro Richtung, gegen 22.00 Uhr ist Schluss. Auf den Außenästen wartet man am Weekend schon mal eine Stunde auf seine Bahn. Dementsprechend sehen die Fahrgastzahlen aus: 15.000 Passagiere pro Tag zählt das Netz - zum Vergleich: Die Metro in Brüssel transportiert 450.000 Fahrgäste täglich. Tragisches Endspiel: Von den mehr als 250 Kilometern des ursprünglichen Netzes blieben etwa 33 übrig, von denen nur 25 in Betrieb sind - nach hunderten Millionen Euro Investition.


Dabei sind die Stationen auch für die Fahrgäste unpraktisch angelegt: In Waterloo sind die Zugänge unter den Bahnsteigen, man muss also erst runter, wenn man an die Oberfläche will (obere Bilder); Die Station Beaux-Arts steht auf einem riesigen Parkplatz, hat allerdings von dort keinen Zugang (die große Einfahrt ginge direkt ins Sperrengeschoß!). Stattdessen muss man über riesige Umwege ein Niveau höher, um dann ewig weit zum Bahnsteig zurückgehen zu müssen.

Verlässt man den Stadtbereich, wird rasch deutlich, wo das Geld besser investiert gewesen wäre: in einen zeitgemäßem Ausbau der Bestandsstrecken und in dichteres Intervall - die letzten Investitionen gingen endlich in diese Richtung, so wurde der Ast nach Gosselies (am Plan gelb) wiedereröffnet und der Stadtring als normale Straßenbahnstrecke geschlossen: beide Projekte in sinnvoller und angepasster Qualität.

Auch der aktuelle Wagenpark hat eine unglückliche Vergangenheit: Durch den Projektstopp in den 1980er Jahren und die Streckeneinstellungen waren deutlich mehr Fahrzeuge vorhanden als benötigt; etliche stellte man nach Schäden einfach ab. Als um 2012 dann endlich die lange brach liegenden Netzwerweiterungen eröffnet wurden, mussten die Wagen nach bis zu 20 Jahren Stehzeit reaktiviert werden. Aktuell sollen 45 dieser Wagen von Alstom auf zeitgemäßen Stand gebracht werden, das verläuft aber eher schleppend.

Im Dezember 2021 kommt es nun zu einem Weihnachtswunder: Die brach liegende Linie M5 soll tatsächlich endlich aktiviert werden! Auf der 5,5 km langen Strecke sollen 8 Stationen bedient werden, alle 10 Minten eine Bahn von der Ringstrecke im Zentrum zum Grand Hospital Charleroi in Gilly fahren.


Alle Viennaslide-Fotos zu Charleroi

Eine Urbexer-Fotoreportage der Linie M5 / Châtelet

"Auf Safari durch die hässlichste Stadt der Welt", Kleine Zeitung, 17.10.2013

Alle Fotos entstanden am 4.5.2019.


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Letzte Änderung: 17.12.2021