Basel: Grenzüberschreitungen

Obwohl die Schweiz kein Mitglied der EU ist, spürt man das Verschmelzen zusammengehörender Landstriche kaum anderswo so stark wie im Trinationalen Eurodistrict Basel: Das Tram, wie es in der Schweiz heißt, verbindet Frankreich, Deutschland und die Schweiz. Die Grenzen im heutigen Schengen-Gebiet sind dabei fast nicht mehr zu spüren.



Gleich zwei Verkehrsbetriebe befahren das Schienennetz der Stadt: Die Basler Verkehrsbetriebe bedienen vor allem das Stadtnetz, die Baselland Transport die weit ins Umland reichenden Lokalbahnstrecken. Deren Birsigtalbahn Richtung Rodersdorf überquert dabei zweimal die Grenze: in dem etwa drei Kilometer langen Streckenstück auf französischem Staatsgebiet liegt auch die Station Leymen. Die wunderschöne Strecke ist fast 26 Kilometer lang; Bis Ettingen wird ein überaus dichtes Intervall angeboten, die Linie 10 verkehrt alle 7,5 Minuten, die Verstärkerlinie 17 halbiert das noch.


Heute tragen die Tango-Niederflurwagen von Stadler die Hauptlast des Verkehrs. Bis Flüh fahren sie alle 15 Minuten, bis Rodersdorf alle 30 – und das mit fantastischer Laufruhe: Weichen sind praktisch nicht zu spüren, das Gleis selbst ist perfekt verlegt, die 80 km/h Höchstgeschwindigkeit merkt der Fahrgast nur am raschen Vorbeigleiten der wunderbaren Landschaft. Die Wagen haben an den Enden und in der Mitte erhöhte Bereiche, um klassische Drehgestelle unterzubringen, die auch für den ruhigen Lauf sorgen: technisch haben echte Drehgestellwagen immer noch Vorteile vor den Niederflurfahrzeugen.


„Gurkerl“ oder „Guggummere“: Das dichte Stadtnetz wird von grünen Trams geprägt, die Typenvielfalt war bis vor Kurzem ungewöhnlich.

Von den Schweizer Standardwagen des Typs Be 4/4 blieb nur ein Museumsstück; ebenfalls verschwanden 2016 die Düwag-Gelenkwagen aus dem Regelbetrieb. Die ältesten Fahrzeuge tragen den Spitznamen „Cornichon“, es sind vierachsige Schindler-Treibwagen, deren Trittbretter sogar noch an die neuen behindertengerechten Haltestellenkanten angepasst werden. Die „Guggummere“ genannte Gelenkversion dieser Type, die um die Jahrtausendwende Niederflur-Mittelteile erhielt, wurde dagegen vollständig ausgemustert: Die Gurkentruppe wird künftig in Sofia eingesetzt. Mit den neuen Flexity-Niederflurwagen, die die seit Anfang der 2000er Jahre bestehende Combino-Flotte ergänzen, werden die Altwagen in Basel überflüssig.


Basel schreibt Verkehrsgeschichte: Die erste Neubaustrecke ins Ausland nach dem Zweiten Weltkrieg

Seit Dezember 2014 überqueren die Züge der Linie 8 beim „Dreiländereck“ die Grenze zu Deutschland. Über die Dreiländerbrücke ist auch das französische Hunigue erreichbar, sodass man hier innerhalb von ein paar Minuten zwei Staatsgrenzen zu Fuß überqueren kann. Unmittelbar hinter der Grenze steht auf deutschem Gebiet ein großes Einkaufszentrum; die Baseler Geschäftsleute sind über den zunehmenden Einkaufstourismus ins viel billigere Deutschland natürlich nicht begeistert. Schweiz ist zwar Schengen-Mitglied, nimmt aber nicht an der Zollunion teil, daher werden stichprobenartig sowohl die Einfuhren als auch die Pässe kontrolliert.

Mit der Verlängerung der Linie 3 zum Bahnhof von Saint Louis erfolgt noch 2017 der nächste Grenzübertritt, in diesem Fall nach Frankreich. Das Tram erreicht damit fast den Flughafen Basel-Mulhouse-Freiburg, der keinen Gleisanschluss hat (daher gibt es derzeit nur eine Busverbindung nach Basel). Eine Weiterführung der Linie zum Flughafen wäre daher wünschenswert und ist auch vorgesehen, allerdings soll sie erst ab 2021 schrittweise verwirklicht werden.

Durch die immer intensivere Vernetzung gerade in dieser Ecke Europas, in der die Bürger wohnen, arbeiten und einkaufen, ohne groß auf Ländergrenzen Rücksicht nehmen zu müssen, und wo der Rhein mehr verbindet als zu trennen, wo grenzüberschreitende Nahverkehrsmittel deutlich machen, wie nahe der Nachbar wirklich ist, ist das Zusammenwachsen Europas aufregend zu spüren. Dass gerade in Österreich, das von der Öffnung nach Osten profitiert hat wie kein anderes europäisches Land, Populisten sogar Grenzkontrollen zu Deutschland befürworten und aufrecht erhalten wollen, ist absurd. Dass hilflose Politikerdarsteller glauben, das Land in eine Alpenfestung verwandeln zu können, ist erschreckend und schadet unserem Land, seinen Bürgern und unserem gemeinsamen Europa immens.

Alle Viennaslide-Bilder der Straßenbahn Basel

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Letzte Änderung: 4.12.2017